Hast du auch keine Lust, ständig zu arbeiten?

– Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral –

Anekdote 1 Hast du auch keine Lust, ständig zu arbeiten?

Warum arbeiten wir eigentlich?

Wie wollen wir wirklich leben?

Definiert Arbeit komplett unser ganzes Leben?

Den Großteil unserer Existenz waren wir Jäger und/oder Sammler mit ca. 3 Stunden Arbeit am Tag.

Und heute? Wie geht es uns heute mit der Arbeit? 40-50 Stunden pro Woche? Arbeiten auch am Wochenende?

Ist unsere Arbeit reiner Broterwerb, oder gibt es da noch mehr?

Wachstum, Wachstum oder Besser und Weniger, statt Immer Mehr von Allem?

Gibt es nicht ökologische Grenzen wachstumsbasierter Wohlstandsvorstellungen?

Ist die Idee der ständigen Selbstoptimierung nicht eine unglaublich geschickte Beschäftigungsmaschinerie?

Nur nicht zum Nachdenken kommen. Nur nicht inne halten und sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.

Wie zum Beispiel:

Wie möchte ich wirklich leben?

Was ist mir wirklich wichtig?

Womit möchte ich meine Zeit verbringen?

Denn wenn wir im Alter an wichtige Momente zurückdenken, denken wir wahrscheinlich nicht in erster Linie an die Arbeit.

Daher ist es ab und zu wichtig, die eigene innere Haltung zu überprüfen.

Was ist mir wirklich wichtig im Leben?

Was möchte ich erreichen und warum möchte ich das erreichen?

Welche wirklichen Wünsche und Ziele habe ich? Was ist mein innerster Wunsch?

Lebe ich eigentlich, um zu arbeiten – oder – Arbeite ich, um zu leben?

Eine literarische Hilfe bei der Überprüfung dieser Geisteshaltung kann dazu die folgende Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll sein. Ich zitiere sie hier in voller Länge, weil für mein Gefühl nur so die Pointe deutlich wird.

Anekdote zur Senkung der  Arbeitsmoral von Heinrich Böll

Griechischer Hafen Hast du auch keine Lust, ständig zu arbeiten?

In einem Hafen an der westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze.

Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind, ein drittes Mal: klick.

Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist – der Landessprache mächtig – durch ein Gespräch zu überbrücken versucht. 

“Sie werden heute einen guten Fang machen.”

Kopfschütteln des Fischers.

“Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist.”

Kopfnicken des Fischers.

“Sie werden also nicht ausfahren?”

Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste Gelegenheit.

“Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?”

Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. “Ich fühle mich großartig”, sagt er. “Ich habe mich nie besser gefühlt.”

Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist.

“Ich fühle mich phantastisch.”

Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht:

“Aber warum fahren Sie dann nicht aus?”

Die Antwort kommt prompt und knapp.

“Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.”

“War der Fang gut?”

“Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen …”

Fischer Hast du auch keine Lust, ständig zu arbeiten?

Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.

“Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug”, sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. 

“Rauchen Sie eine von meinen?”

“Ja, danke.”

Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.

“Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen”, sagt er, “aber stellen Sie sich mal vor, sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen… stellen Sie sich das mal vor.”

Der Fischer nickt.

“Sie würden”, fährt der Tourist fort, “nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?”

Der Fischer schüttelt den Kopf.

“Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden …”, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, “Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann …”, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen.

“Und dann”, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat.

“Was dann?” fragt der Fischer leise.

“Dann”, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, “dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.”

“Aber das tue ich ja schon jetzt”, sagt der Fischer, “ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört.”

Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

Steine Hast du auch keine Lust, ständig zu arbeiten?

 

Die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral ist eine Anekdote von Heinrich Böll aus dem Jahr 1963, geschrieben zum Tag der Arbeit am 1. Mai 1963.

Diese Geschichte hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Natürlich behandelt sie nicht das wichtige Thema der Altersvorsorge oder das Thema der persönlichen Weiterentwicklung. Doch darum wurde sie nicht geschrieben.

Sie wurde geschrieben, meiner Meinung nach, um zur Selbstreflexion anzuregen. Um ein Innehalten in der Betriebsamkeit zu erreichen. Und damit die Ziele unseres Lebens zu formulieren.

Um auf den Druck des Kapitalismus, der sich 1963 schon abzuzeichnen begann und damit auch die Manipulation der Massen mit der Idee des schneller-höher-weiter, und dem von Charles Darwin abgeleiteten surviving of the fittest, und der Logik der Natürlichkeit des Marktes aufmerksam zu machen.

Sie ist für mich daher auch nicht banal oder naiv oder gar gefährlich, wie es Jochen Mai in der Karrierebibel formuliert hat.

Im Gegenteil. 

Sie zeigt auf eindrückliche Weise, was wirklich wichtig ist im Leben:

Das Leben genießen. Hier und Jetzt. Selbst-Genügsam sein. Auf sich Selbst hören und nicht auf Menschen, die meinen, sie wüssten, was gut für uns wäre.

Glücklich sein.

Was sagt dir die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral?

Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Möglicherweise interessieren dich auch die folgenden Blogartikel:

Beatrix Andree: 9 wirkungsvolle Wege, entspannt und produktiv zu arbeiten

Elvira Löber: Auszeiten – von der Atempause bis zum Sabbatjahr

Herzlichst,

Beatrix

 

Du willst ein erfolgreiches Online Business mit deinen eigenen Online Kursen aufbauen? 

Möchtest du lernen, wie man Inhalte methodisch und didaktisch so aufbereitet, dass sie auch wirklich bei deinen Kunden ankommen? Möchtest du auch Videos und Audios in deinem Kurs verwenden? Und noch vieles mehr?

Dann ist mein kleiner, feiner und obendrein noch kostenloser Online Kurs genau passend für dich.

Mit den fünf Lektionen legst du dir eine solide Basis für dein eigenes Online Business.

 

4 Book 495x400 Hast du auch keine Lust, ständig zu arbeiten?

Wie du mit deinem eigenen Online Business starten kannst

 

Bist du schon in der Facebook-Gruppe dabei?

Dort kannst du dich über deine Erfahrungen bei deiner Erstellung von Online Kursen austauschen und dir Unterstützung holen.
Ich schaue dort regelmäßig vorbei und beantworte gerne Fragen oder stehe für Feedback zur Verfügung.

Die Autorin:  Beatrix Andree erstellt seit 2007 Blended Learning Kurse und reine Online Kurse. Ich zeige dir, wie du effektiv und ohne ein Technik-Freak zu sein, einen Online Kurs erstellst, der deine Inhalte wirkungsvoll transportiert und deine Kunden erfolgreich von A nach B bringt.

2 Kommentare
  1. Elvira
    Elvira sagte:

    Liebe Beatrix,

    ein nachdankenswerter Artikel über die Betroffenheit, wenn jemand nicht schneller, weiter, höher als Lebensziel hat sondern seine eigenen Pläne oder eher Nichtpläne. Gerade jetzt im Sommer mit dieser endlos andauernden Hitze und Trockenheit gönne ich mir Kurzurlaube vor der Haustür, Stunden im Liegestuhl mit einem Buch, im Garten buddeln oder einfach Nichtstun. Selbst in der Zeit, als ich noch ein “echtes” Geschäft hatte plus 3 Kinder, waren mir diese Zeiten wichtig. Es klappte nicht immer, doch ich habe sehr darauf geachtet, dass sie nicht im Alltagsgeschehen untergingen.

    Vielen Dank auch für das Verlinken meines Artikels zu den kleinen Auszeiten: heute morgen habe ich vor aller Arbeit erst einmal eine Sonnenaufgangswanderung gemacht. Herrlich erfrischend, um energievoll in den Tag zu starten.

    Ich wünsche Dir ebenfalls wundervolle Sommertage
    Elvira

  2. Beatrix Andree
    Beatrix Andree sagte:

    Liebe Elvira,

    meine Auszeiten sind mir auch sehr wichtig und vor der Arbeit schon etwas für sich selbst getan zu haben, ist mir ein angenehmes Bedürfnis.

    Dein Artikel passt meiner Meinung hervorragend zu der Anekdote und kam genau zum richtigen Zeitpunkt!

    Noch einen wunderbaren Sommer,

    herzlichst Beatrix

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.